Arbeitszeugnisse - lesen und richtig interpretieren
Auf jede Stellenausschreibung erhalten Sie eine Vielzahl von Bewerbungen, meist mehrere hundert. Oft sind sehr
interessante Unterlagen dabei, die dem Anforderungsprofil schon sehr gut entsprechen. Sie sichten übersichtliche,
optimierte Lebensläufe und ansprechende Anschreiben. Auch nach der strengsten Vorauswahl bleibt in der Regel noch ein großer Stapel übrig.
Die weitere Differenzierung erfolgt nun über die beigefügten Arbeitszeugnisse und Referenzen, die es zu lesen, zu interpretieren und richtig einzuordnen gilt. Oft eine echte Syssiphusarbeit.
Folgende Kriterien und Tipps können Ihnen bei der Interpretation eines Arbeitszeugnis hilfreich sein und die Arbeit vereinfachen:
Wie ist der Gesamteindruck aller Arbeitszeugnisse in der Bewerbung? Durchweg positiv oder eher
“durchwachsen”? Wie sehen die einzelnen Benotungen aus? Zwischen 1 und 2 oder eher zwischen 2 und 3?
Es gilt nicht nur die Gesamtbeurteilung “erledigte alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit” (Note 1), sondern
auch die Beurteilungen der Kriterien wie Leistungsbereitschaft, Fachwissen, Weiterbildungsbereitschaft, Arbeitsstil,
Arbeitserfolg + besondere Leistungen, Führungsverhalten, Sozialverhalten intern/exern und die Schlussformel.
Sie unterscheiden und interpretieren die Noten realtiv einfach anhand der Temporaladverbien und der Steigerungsform:
sehr gut:
stets sehr erfolgreich, immer überaus motiviert, allzeit höchst ergebnisorientiert
gut: stets erfolgreich, immer motiviert, allzeit ergebnisorientiert oder:
sehr erfolgreich, hoch motiviert, sehr ergebnisorientiert (ohne Temporaladverb, nur mit Steigerungsfom)
befriedigend: erfolgreich, motiviert, ergebnisorientiert oder:
immer zufriedenstellend
ausreichend: zufriedenstellend (ohne Temporaladverb), oder: immer angemessen, stets anforderungsgerecht
schlechter:
angemessen, anforderungsgrecht (ohne Temporaladverb)
mehr Informationen zu den Noten in den Beurteilungen finden Sie unter:
Arbeitszeugnisse schreiben - Wertungen sprachlich umsetzen
Wie lang sind die Arbeitszeugnisse und wurden alle Beurteilungskriterien berücksichtigt?
Für einfache Positionen oder Ausbildungszeugnisse rechnen wir mit ca. 1 DinA4 Seite, für anspuchsvollere Positionen mit
ca. 1 1/2 und für Führungskräftezeugnisse oder Arbeitszeugnisse für langjährige Mitarbeiter mit unterschiedlichen
Funktionen im Unternehmen mit bis zu 3 DinA4 Seiten. Ein wesentlich kürzeres Arbeitszeugnis interpretieren wir als
Unzufriedenheit des Unternehmens mit dem Arbeitnehmer, seine Unwichtigkeit und/oder die Unlust zur Zeugnisausstellung.
Fehlende Beurteilungskriterien können ein Hinweis auf eine nicht zufriedenstellende Leistung des Arbeitnehmers in diesem
Bereich sein. Wenn beispielsweise in einem Zeugnis für einen Guppenleiter keinerlei Informationen über das
Führungsverhalten zu finden sind, ist das ein Grund aufzumerken. Dasselbe gilt für Kassiererinnen, in deren Zeugnis kein
Wort über “Ehrlichkeit”steht oder für Designer, denen keine “Kreativität” oder “Innovationskraft” bestätigt wird. Wir
interpretieren “beredtes Schweigen” im Arbeitszeugnis eindeutig als Mangel der erforderlichen Schlüsselqualifikation.
Bitte vergleichen Sie unter:
Qualifiziertes Arbeitszeugnis - Formulierungen und Formulierungshilfen. Sie erhalten hier einen Überblick über die häufigsten Verfahrensweisen bei der Erstellung von Arbeitszeugnissen. Arbeitnehmer können
Ihr Zeugnis von mir auch fachgerecht interpretieren lassen. Bitte informieren Sie sich über diesen Service unter: Arbeitszeugnis - Test , Analyse, Prüfung
Die letzten 2- 3, und ganz besonders das Arbeitszeugnis des voran gegangen Arbeitgebers sind von besonderer Bedeutung
Decken sich der Aufgabenbereich und die Verantwortungsbreite mit den Angaben im Lebenslauf oder gibt es bedeutende
Differenzen? Wie ist die allgemeine Benotung, fällt etwas Besonderes ins Auge oder fehlen wichtige Angaben?
Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, die Intention des Zeugnis ausstellenden Unternehmens zu erkennen.
Sicherlich hat ein individuelles, aussagestarkes Zeugnis mehr Gewicht und ist wertvoller zu interpretieren als ein Standardzeugnis (mit mehr oder weniger fantasielosen Formulierungen.)
Viele Arbeitszeugnisse - vor allen Dingen in kleineren Unternehmen - werden von Vorgesetzten oder dem Geschäftsführer
selbst verfasst. In Unkenntnis der Benotungs-Systematik werden die Zeugnisse oft eine volle Note unter der beabsichtigten
Beurteilung ausgestellt. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung habe ich festgestellt, dass nur sehr selten wirklich
“schlechte” Zeugnisse erstellt werden sollten. In der Regel möchte das Unternehmen das Arbeitszeugnis so realistisch wie möglich, ohne Übertreibungen oder Überbewertungen verfassen.
Dieses Vorgehen kann zu Missverständnissen führen, da in einem Arbeitszeugnis - abweichend von einem Schulzeugnis -
ein “gut” immer als ein “stets gut oder “sehr gut” beschrieben wird. Aufgrund der gesetzlichen Vorgabe, ein wohlwollendes
Zeugnis auszustellen, hat sich diese Methode seit vielen Jahren etabliert. In der Gesamtbeurteilung, die beinahe jedem
bekannt sein dürfte, erkennen und interpretieren wir am ehesten die beabsichtigte Bewertung der Leistung:
Ein Mitarbeiter, der “stets zur vollsten Zufriedenheit” gearbeitet hat, hat sicherlich auch sehr sinnvolle Beiträge geleistet und
einen überdurchschnittlichen Arbeitserfolg. Auch wenn die Arbeitsergebnisse mit ”erledigte die ihm übertragenen Aufgaben
gut und termingerecht” beschrieben werden (eine Formulierung, die für sich gesehen, im besten Fall mit einer 3 bewertet werden dürfte).
Die Gesamtbeurteilung gibt uns einen starken Hinweis zur Gesamt-Interpretation des Arbeitszeugnis.
Wenn allerdings nur die Gesamtbewertung positiv und alle anderen Beurteilungskriterien eher durchschnittlich ausfallen,
sollte man vorsichtig werden. Hier könnte sich eine gut getarnte Information über eine leistungsschwache Performance verbergen.
Bitte beachten Sie auch unsere ausgegliederten und zusätzlichen Informationen zur Erstellung von
Arbeitszeugnissen unter www.arbeitszeugnis-schreiben.de
weitere interessante Links:Arbeitszeugnis - was hinter manchen Formulierungen steckt
, ein interessanter Artikel von Andreas Mauritz in der Süddeutschen Zeitung
Arbeitszeugnisse: Was jeder über Arbeitszeugnisse wissen sollte
, ein sinnvoller Überblick von Hans Georg Rumke, Fachanwalt für Arbeitsrecht
Arbeitszeugnisse - zwischen den Zeilen lesen
, eine lehrreiche Zusammenfassung von Barbara Kranz
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